“Wie wird man anständig alt?”
Gotthilf Gerhard Hillers Impuls anlässlich des Neujahrsempfangs des Freundeskreises Hohbuch/Schafstalle e.V. am 15.1.2026 im Gemeindezentrum Hohbuch, Reutlingen.
Liebe Gäste, noch einmal einen guten Abend, auch von mir.
Es hat geklappt. Wieder einmal ist eine erstaunliche, eine seltene Gesellschaft zusammengekommen. Vielen Dank, dass Sie alle der freundlichen Einladung des Freundeskreises Hohbuch/Schafstall gefolgt sind: Warum „erstaunliche“, warum „seltene Gesellschaft“? Vor allem sind hier heute Menschen ver-sammelt, die sich wechselseitig seit Jahren guttun. Sie interessieren sich für einander, sie fördern und beschenken sich, oft ohne sich gegenseitig zu kennen. Sie profitieren voneinander, selbst dann, wenn sich viele bis jetzt kaum jemals direkt begegnet sind. Doch das darf – und soll sich heute Abend ändern.
Alle, die heute hier sind, haben eine besondere Chance: Denn jede und jeder darf sich sicher sein: Hier gibt es nur interessante Leute: Alle können sie Deutsch, und sie alle haben interessante Geschichten zu erzählen. - Was uns eint? Wir alle wissen schon ziemlich lange, wie man leidlich glücklich wird. Also trauen Sie sich, selten war die Gelegenheit so günstig, sehr konkret und aufs Neue zu erfahren, wie Glücklich-Werden durch Glücklich-Machen funktioniert. Entdecken Sie neue, lohnende Bekanntschaf-ten! Nachher haben Sie die Zeit dazu.
Da gibt es die eher Älteren im Raum. Sie sind und bleiben glücklich, weil sie es immer noch trainieren: Aktiv andere immer wieder glücklich zu machen. Einst hat man sie selbst glücklich gemacht, einige glauben sogar, sie seien erlöst worden.
Der Vorläufer vom heutigen Freundeskreis hat vor zwei Jahren ein kleines Büchlein angefertigt. Darin wurde aufgeschrieben, was mit der Ehrung auch ausgezeichnet wurde, was die Älteren unter uns in den letzten 25 Jahren so alles in Schwung gebracht haben. Und mit ihrem Foto und mit einem persönlichen Statement haben nicht wenige von denen, die heute hier sind, in diesem kleinen Buch dargelegt und begründet, warum sie den Freundeskreis gut finden und dabei mitmachen. Von diesem froschgrünen Büchlein liegen 50 Exemplare im Foyer. Wer will, darf sich es sich einfach mitnehmen. Mit ein bisschen Glück kann man nämlich dann sich sehr schnell daran erinnern, mit wem man heute Abend schon ge-sprochen hat. Das sind sie alle drin: Es ist so eine Art Personalverzeichnis.
Prof. Dr. Gotthilf Hiller
Und dann gibt es nicht wenige, eher Jüngere unter uns. Ihre Familien leben in mindestens fünfzehn Staaten auf allen Kontinenten. Sie sind hierher nach Reutlingen gekommen. Und hier entsteht inzwi-schen so etwas wie ihre zweite Heimat. Sie wurden und sie werden glücklich, weil andere sie glücklich machten, und weil das bis heute weitergeht. Und so was steckt an: Nicht wenige von diesen Jüngeren sagen schon heute: Einst werden sie es den Alten gleichtun, einst werden sie auch Jüngere glücklich machen, sobald sie selbst das Zeug und die Mittel dazu haben. Denn sie spüren, wie richtig das ist und wie gut es tut.
Wie wird man anständig alt? Das frage ich mich schon seit rund 20 Jahren, seit meine Frau verstorben und meine Professur Geschichte ist. Täglich lerne ich noch dazu, denn meine Großfamilie neuerer Art wächst und wächst, und sie hält mich fit. Sie hält mich auf Trab und am Leben. Ein so praktiziertes Ehrenamt, wie es heute Abend ausführlich beschrieben wurde, bringt das einfach so mit sich.
Ganz besonderen Dank, Ihnen, lieber Herr Hahn [Erster Bürgermeister der Stadt Reutlingen]: Sie sind eigens gekommen, um der besonderen Reutlinger Geschichte der Sozialdiakonie ein ganz, ganz kleines, aktuelles Kapitel hinzuzufügen. Wer mich früher im In- und Ausland gefragt hat, woher ich komme, dem habe ich geantwortet: Ich komme aus Reutlingen, das ist die Stadt in Württemberg, wo man anders mit denen umgeht, die aufs Dazugehören, aufs Mitmachen-Dürfen und auf Beistand jenseits von Familie und Verwandtschaft besonders angewiesen sind. In dieser Tradition stehen der Freundeskreis und die Vorhaben, deren Auszeichnung heute gewürdigt wird. Deshalb gehört ein ganz erheblicher Teil dieses Ordens sehr vielen von uns.
Als Schenkende und Beschenkte sind wir Teil einer anderen, einer zweiten Ökonomie. Sie hat ihre Wur-zeln in der Familie und in freundlichen Gemeinschaften. Dort ist man für einander selbstverständlich da, ohne sofort ab- und aufzurechnen. Ohne diese Ökonomie des Schenkens und Tauschens, einer Güte mit Sachverstand, die einfach tut, was richtig ist, hätte nie und nimmer entstehen und wachsen können, was nun öffentliche Anerkennung gefunden hat. Das sind Gemeinschaftsleistungen, über die wir uns nur gemeinsam freuen dürfen.
Was heute und hier stattfindet, taugt für einen Neujahresempfang. Auch im neuen Jahr machen wir kon-sequent weiter. Wir bleiben nachhaltig widerständig. Weiter setzen wir uns unsere kleinen, praktischen Zeichen der Hoffnung und Zuversicht gegen Hass und Hetze, gegen Angst und Mutlosigkeit, gegen Gier und Selbstsucht. Wir haben gelernt und buchstabieren es weiter aus: Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert. Jetzt wünsche ich Ihnen allen und mir viel Neugier aufeinander und gute Gespräche.